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Kunsthalle Jesuitenkirche

Tim Otto Roth - Logische Phantasien

Inspiriert vom Werk Christian Schads verwandelt der Konzeptkünstler und Schattenforscher Tim Otto Roth die Kunsthalle Jesuitenkirche in ein Gesamtkunstwerk: Er denkt die ‚Schadographien‘ neu und lässt in den Gewölben 3D-Schatten der Kunstfigur Scarbo tanzen. Ein begehbares Ornament durchzieht den Raum, in dem Roth mit einem in Indien produzierten Knüpfwerk und dem mikrotonalen Klangteppich der Wasserorgel ‚aura calculata‘ dem Kalkül eine ganz eigene Ästhetik verleiht.


HINWEISE:
Die Ausstellung ist wieder ab Dienstag, den 12. Mai, zu den regulären Öffnungszeiten zugänglich.
Weitere Informationen für Ihren Besuch finden Sie » hier.

Künstlergespräch am Samstag, 11. Juli 2020 um 19 Uhr, in der Christuskirche Aschaffenburg
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Schattenarbeiten korrespondieren mit den Schadographien

2019 war es 100 Jahre her, dass Christian Schad in seiner Souterrainwohnung am Genfer Chemin de Roches 2 seine für die Kunst der Abstraktion wegweisenden Schattenaufnahmen entwickelt hat. Tristan Tzara (1896–1963) verlieh ihnen sehr viel später die Bezeichnung „Schadographie“. Schads späte Schattenarbeiten, die heute im Bestand der Christian Schad Stiftung Aschaffenburg sind, gelten zugleich als sein wesentlichster Beitrag zur Kunst nach 1945 und bilden einen der Ausgangspunkte für die aktuelle Schau Tim Otto Roths.

Einige ältere Arbeiten Roths wie der Zyklus ‚Neuf portes de ton corps‘ (2000) und die mit lebendem Licht hergestellten Arbeiten ‚Meeresleuchten‘ (2007) und ‚Waldlicht‘ (2009) geben einen faszinierenden Einblick in Roths bereits über 20 Jahre andauernde praktische und theoretische Auseinandersetzung mit Schattenaufnahmen. Ob sich nicht doch eine der frühen Arbeiten Schads in der Ausstellung befindet, wird der eine oder andere beim Blick auf Tim Otto Roths ‚Ignigraphie‘ (2017) rätseln. Für diese Replik auf die frühen ‚Schadographien‘ hat Roth das von Schad benutzte und heute nicht mehr erhältliche Tageslichtauskopierpapier nachgebaut, um darauf im Sonnenlicht den Schatten eines vom Feuer gezeichneten Objektes sich einschreiben zu lassen.

Aufgrund der ursprünglichen Konzeption als Begleitausstellung zur Eröffnung des Christian Schad Museums verzichtet die Ausstellung darauf, Originalarbeiten des Älteren zu zeigen. Dennoch werden zwei Requisiten aus dem in der Christian Schad Stiftung verwahrten Nachlass des Künstlers in der von Tim Otto Roth gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Miriam Seidler konzipierten Ausstellung auf ganz besondere Weise inszeniert: Bereits im Eingang empfängt eine kleine, transparente Folienfigur aus dem Fundus von Christian Schad die Besucher*innen, die einen blauroten Doppelschatten an die Wand wirft. In seinen späten Schadographien, in denen Schad sich mit dem Prosagedicht Gaspard de la Nuit (1842) des französischen Autors Aloysius Bertrand (1807–1841) auseinandersetzt, taucht die fragile Figur als negativer Schatten immer wieder auf.

Eine korrespondierende schattenprojektive Reanimation erfährt diese Figur in Roths Deckenprojektionen: Die synästhetische Verschmelzung von Musik, bildender Kunst und Literatur zu einem Universalkunstwerk, wie sie Bertrand an das Werk E.T.A. Hoffmanns und den Grundgedanken der Romantik anknüpfend in seinem Prosagedicht formuliert, ist in Roths ‚Scarbo pirouettant‘ (2019) kongenial umgesetzt. Gemeinsam mit der Tänzerin Zuzana Zahradníková hat der Künstler eine Choreographie entwickelt, nach der sich atemberaubende Schattenprojektionen zum dritten Satz Scarbo aus Maurice Ravels Gaspard de la Nuit (1908) in den drei Gewölben der ehemaligen Barockkirche drehen.

Am Ende der Ausstellung begegnet der Besucher auf der Empore einer Gliederpuppe, die ebenfalls aus dem Fundus von Christian Schad stammt und die sich in der mittleren Deckenprojektion ein Netz webend langsam in nichts auflöst – oder wie es bei Aloysius Bertrand von dem Kobold Scarbo heißt: „Aber bald wurde sein Körper blau und durchsichtig wie das Wachs einer Kerze, sein Gesicht erbleichte wie der Talg eines Lichtstumpfs – und plötzlich war er erloschen.

Das blaue Licht hat bei Tim Otto Roth in Korrespondenz mit rotem Licht allerdings noch eine ganz andere Bedeutung. Seine Objekte werden – wie das Folienmännchen im Eingangsbereich – virtualisierend mit blauem und rotem Licht beleuchtet. Mit einer Rot-Blau-Brille betrachtet, verwandeln ihre Schatten sich in dreidimensionale Gebilde, die durch den Raum schweben. So entwickelt Roth einen gänzlich neuen künstlerischen Ansatz: Schatten lösen sich – um mit Schad zu sprechen – „von den Zwängen der Gewohnheitslogik“.



Mathematischer Sozialismus –
künstlerische Variationen zum Prinzip der Selbstorganisation

Dass die ausgefeilten 3D-Schatten-Arbeiten nur eine Facette des vielfältigen Œuvres von Tim Otto Roth sind, wird beim ersten Blick in den Kirchenraum deutlich. Ein Bodenornament aus retro-reflektierenden Bodenpunkten, der ‚MaSo-Floor‘ (2019), gibt der Kunsthalle ein neues Gewand. Es überträgt die Regel, nach der die Wasserorgel ‚aura calculata‘ (2016) in der Apsis spielt, auf den Raum. Ähnlich einer La-Ola-Welle im Fußballstadion analysieren die 18 gläsernen Pfeifen ohne zentralen Dirigenten die jeweiligen Zustände ihrer Nachbarn.

Zu Beginn füllen sich alle Pfeifen, indem das Zulaufventil geöffnet wird und sich die Pfeifen durch den Wasserdruck des Reservoirs gleichmäßig füllen. Beginnt die Orgel zu spielen, haben alle Pfeifen die gleiche Füllhöhe und spielen den gleichen Ton. Nur der Takt wird noch von außen vorgegeben. Ihre Aktivität steuern die Pfeifen in Abhängigkeit von der Aktivität der beiden benachbarten Pfeifen. Dazu sind sie über Kabel miteinander verbunden. Ein festgelegtes Set an Nachbarschaftsregeln gibt vor, wann eine Pfeife aktiv ist, das heißt, wann sie leuchtet und einen Ton spielt. So entsteht die einfachste Form von Komplexität.

Hört sich das Prinzip im ersten Moment kompliziert an, zeigt das im indischen Varanasi geknüpfte ‚MaSo-Knüpfwerk‘ (2019), dass das zugrunde liegende Kalkül durchaus einfach nachzuvollziehen ist. Die Knüpfer, mit denen Tim Otto Roth in einem Workshop das Prinzip erarbeitet hat, haben eine Regel erhalten, nach der sie aus den Farben der beiden Nachbarknoten die Farbe des Knotens in der nächsten Reihe ableiten und damit ein faszinierendes Muster entwickeln. „Es ist erstaunlich, dass dieses einfache Modell zur Mustergenerierung noch nie verwendet wurde“, wundert sich Roth, „stattdessen haben bislang Knüpfer lediglich Repliken von visuellen oder auch gesungenen Vorlagen geschaffen.“ Eine Jahrtausende alte Kulturtechnik wird so mit einer neuen Philosophie des Teppichknüpfens konfrontiert, die dem Motto von der Reproduktion zur Produktion von Lászlò Moholy-Nagy folgt: Das Muster wird nicht mehr vor- und wiedergegeben, sondern generiert sich im Prozess des Knüpfens selbst. Damit ist jedes Knüpfwerk einmalig und erhält somit eine je eigene Aura im Sinne Walter Benjamins.

Mit einem Augenzwinkern erklärt Tim Otto Roth auch den Mathematischen Sozialismus für den das Kürzel MaSo steht: „Alle Akteure sind gleichgeschaltet und gehorchen derselben Regel,“ führt er aus. „Trotz dieser Gleichschaltung der Akteure führt dies überraschenderweise nicht dazu, dass alle im Gleichschritt marschieren.“ Dieser damit verbundene implizite Elan vital mathematischer Selbstorganisation äußert sich in immer wieder entstehenden neuen Muster- bzw. Klangvariationen – für Roth ein Sinnbild von Komplexität, das sich gesellschaftlichen Tendenzen der Vereinfachung widersetzt und einlädt, sich mit allen Sinnen auf Neues einzulassen.

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie unter www.imachination.net

Einblick in den Katalog zur Ausstellung:

Tim Otto Roth - Logische Phantasien from Kehrer Verlag Heidelberg on Vimeo.

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